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Vom Wesen des Paarkonflikts

Doppelrezension Eric Hegmann & Carlotta Welding

 

Wie lernen Paare, nicht mehr mit harten Bandagen zu streiten? Und wie verlässt man
eine unglückliche Beziehung? Zwei neue Sachbücher zeigen, wie wir in Beziehungskrisen
funktionieren, und weisen Wege aus der Misere.

 

Wenn Eric Hegmann in Hamburg an einer Ampel steht, ruft er den wartenden Autofahrern vor sich manchmal aufgebracht etwas zu. Denn es ärgert ihn, dass sie die Grünphase verpassen, weil sie am Handy daddeln, während er auf seinem Motorrad vom Regen durchnässt wird. Hegmann ist Paartherapeut, viele kennen ihn und seine sonst sanftmütige Art von der TV-Serie und dem gleichnamigen Podcast „Die Paartherapie“: Darin leitet er Paare durch Konfliktgespräche, und Millionen sehen ihm dabei zu. Wie er das macht, kann man nun endlich auch nachlesen in seinem anleitenden Sachbuch Das Buch, von dem du dir wünschst, du hättest es vor deiner Trennung gelesen.

 

Darin hilft Hegmann Paaren aus ihren nervenaufreibenden Teufelskreisgesprächen, indem er ihnen die Augen öffnet für die enorme Spannung, unter der sie stehen – eine ähnliche Spannung, die er verspürt, wenn das Auto vor ihm bei Grün einfach nicht losfährt. Nun schau doch mal hin! Nun fahr doch! Wer kennt das nicht? Wut und Ärger dienen uns in solchen Momenten als Ventil. Diese Emotionen haben eine „Wächterfunktion“, wie Hegmann es nennt. Sie verdecken tieferliegende Emotionen wie Traurigkeit, Angst oder Scham.

 

Im Buch listet Hegmann die Emotionen auf, die hinter seinem Ampel-Ärger liegen: Hilflosigkeit („Es ist egal, was ich mache: Ich kann da toben, wüten wie Rumpelstilzchen und auf dem Motorrad tanzen. Es wird alles nicht schneller gehen.“), Scham („Jetzt habe ich wieder rumgestänkert.“), aber auch Schuldgefühle („Ich hätte auf den Wetterbericht schauen können. Ich hätte den Bus nehmen können.“). All das endet immer in einer Erkenntnis: Man war nicht die bestmögliche Person, die man hätte sein können. Und genau das passiert in Paarkonflikten: Es entsteht Druck, der durch Ärger abgebaut wird, das provoziert Streit, der mit harten Bandagen an der Oberfläche verhandelt wird. Wenn du dich ändern würdest, dann wäre alles gut! Kurz: Du! Bist! Schuld!

 

Hier setzt Hegmann an und leitet die Leser behutsam durch die Beschaffenheit solcher Dynamiken. Er baut das Vorgehen, dem wir folgen könnten, Schritt für Schritt auf, didaktisch äußerst ziseliert. Jede Erkenntnis illustriert er an ausschnitthaften Therapiegesprächen, die er nach Themen sortiert, etwa „Dialog eines aggressiven Paares“, „Kollaps und Hoffnungslosigkeit“ oder „Arbeitsteilung und Ungleichgewicht“.

 

Während Eric Hegmann zeigt, wie Paare miteinander sprechen lernen können, beschäftigt sich Carlotta Welding in ihrem zweiten Sachbuch Wenn es besser ist zu gehen – Die Psychologie der Trennung mit dem Umstand, warum so viele Menschen in unglücklichen Beziehungen verharren. Welding ist Emotionscoachin, promovierte über Gefühlsblindheit und orientiert sich, wie Hegmann, an der emotionsfokussierten Therapie: Gefühle müssen nicht überwunden, sondern transformiert werden – von lähmender Angst zu Klarheit, die handlungsfähig macht.

 

Welding tut dies mit wissenschaftlichem Ehrgeiz, nüchterner Sprache, einer klaren Struktur. Sie baut auch die Geschichten ihrer Klientinnen und Klienten durch monologische Passagen ein, die sich aber oft im Kreis drehen, à la Ich wusste, dass es falsch war. Ich blieb trotzdem. Das wirkt mit der Zeit ermüdend, da es nur eine (verfahrene) Perspektive auf den Konflikt ist. Bei Hegmann spürt man die Transformation der Gefühle unmittelbar durch die direkt wiedergegebenen Therapiegespräche.

 

Weldings ausgereift recherchierte – mitunter aber hölzern vorgetragene – Analyse ist eher etwas für Profis. Hegmann hingegen nimmt die Leserin an die Hand und inspiriert mit Sätzen wie: „Partner bekommen niemals vom anderen nachhaltig, was sie kritisieren. Sie bekommen das, wofür sie loben.“

 

 

Eric Hegmann

Das Buch, von dem du dir wünschst, du hättest es vor deiner Trennung gelesen.

Hoffmann und Campe

300 Seiten, 20 Euro

Erschienen im Mai 2026

Die Rezension wurde zuerst im Büchermagazin (4_2026) veröffentlicht.

 

 

Carlotta Welding

Wenn es besser ist zu gehen. Die Psychologie der Trennung 

Klett-Cotta

192 Seiten, 18 Euro

Erschienen im Mai 2026

Die Rezension wurde zuerst im Büchermagazin (4_2026) veröffentlicht.

 

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