Der britische Bestseller-Autor Ian McEwan hat einen Zukunftsroman geschrieben, der gleichzeitig ein hochaktueller Kommentar zu unserer KI-versessenen Gegenwart ist; einer, der unter die Haut geht. Was wir wissen können spielt im Jahr 2119. Großbritannien ist nach einer nuklearen Katastrophe zu einem Inselgrüppchen zusammengeschrumpft. Tsunamis haben die Welt überflutet, die Hälfte der Weltbevölkerung ist tot.
In dieser fragmentierten Welt forscht Literaturprofessor Thomas Metcalfe zu einem verschollenen Sonett des Dichters Francis Blundy aus dem Jahr 2014. Blundy hatte es für seine Frau Vivien geschrieben, deren Tagebücher, SMS und Mailverläufe der Wissenschaftler obsessiv studiert: „Ich habe ihn nie gehasst. Nie! Nur…“, liest er in ihrem Tagebuch und sinniert über den mittleren Buchstaben des 'nur', der aussieht „als würde er an seinen Scharnieren aufwärtsschwingen und ein Guckloch freigeben, durch das man ein (…) verkümmertes Herz sehen kann.“ Metcalfe möchte am liebsten durch dieses Guckloch zurück in diese Zeit krabbeln, während sich seine Studis wundern, dass die Menschen damals nicht sahen, dass sie die Welt zerstören – und wiederholen doch ihr Verhalten. Der Erzähler kommentiert trocken. „Wie schon vor langer Zeit festgestellt, sind wir alle unschuldige Kinder im tiefen Wald unserer klugen Erfindungen.“
McEwan gelingt ein brillanter Zukunftsroman, der die großen Fragen nach Wissen, Liebe und menschlicher Begrenztheit stellt.
Ian McEwan
Was wir wissen können
Diogenes
480 Seiten, 28 Euro
Erschienen im September 2025
Die Rezension wurde zuerst im Büchermagazin (1_2026) veröffentlicht.

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