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Kühler Abschied

Mit 33 Jahren starb Marcelle Sauvageot an Tuberkulose. Zuvor hatte sie an der Antwort auf den Trennungsbrief ihres Verlobten gesessen. Sie schickte sie nie ab, übergab die kleine Briefsammlung jedoch am Totenbett dem Literaturkritiker Charles Du Bos.

Eine Rezension von Jeanne Wellnitz

Vor über zehn Jahren warnte Günther Jauch alle Männer, die zusahen: „Wenn Sie dieses Buch auf dem Nachttisch einer Frau sehen, laufen Sie um Ihr Leben!“ Er saß in der ZDF-Sendung Lesen! und sprach von Marcelle Sauvageots einzigem veröffentlichten Text.

 

Eine Sammlung von Briefen, die die Französin 1930 in einem Sanatorium verfasste. Sie war damals 30 Jahre alt – und verliebt. Doch dann erreicht sie im Sanatorium ein Brief ihres Geliebten, der keine Liebesbekenntnisse mehr enthält. Er bittet um ihre Freundschaft, denn heiraten werde er nun eine andere. Drei Jahre später erlag Marcelle Sauvageot ihrem schweren Lungenleiden – und hinterließ eine Replik auf diesen Brief. Ihre Abrechnung. Zumindest fällt dieser Begriff oft in den Besprechungen.

 

Ihre Zeilen sind jedoch viel mehr als das – dennoch hat Günther Jauch mit seiner Warnung nicht unrecht. Die Zurückgelassene zerlegt die Aussagen des Briefes – und damit die Beziehung zu ihrem ehemaligen Verlobten – mit kühler Präzision, die ihre existenzielle Verzweiflung kaschiert.

 

Am Totenbett

 

Marcelles Freundinnen und Weggefährten ermutigten sie, ihre Briefe zu veröffentlichen. 163 gedruckte Exemplare wurden 1933 privat verteilt. Noch an ihrem Totenbett nahm der Literaturkritiker Charles Du Bos das Manuskript an sich, er verfasste das Vorwort. Dank ihm wurden posthum in verschiedenen Verlagen weitere Auflagen gedruckt. Die französische Literaturszene war beeindruckt; Paul Claudel, Paul Valéry und Clara Malraux lobten den 70 Seiten langen Briefroman. Es könnte aber auch ein Essay, ein Tagebuch, ein Bekenntnis sein. In der französischen Erstausgabe war es jedenfalls ein Commentaire mit dem Titel „Laissez-moi“. Lassen Sie mich. Das klingt so viel mehr nach der Entrüstung, dem Schmerz, der tiefen Traurigkeit der Autorin. Der entschärfte deutsche Titel „Fast ganz die Deine“ spielt nur auf die Liebe an, zu der sich die Erzählerin mit Haut und Haar bekennt. Dennoch fühlte sich der Geliebte nicht bedingungslos von ihr angenommen, mitunter sogar ungeliebt.

 

Kommunikative Pirouetten

 

Mit nüchternen Worten gesteht sie ein, welche Entschlüsselungsfähigkeit ihm ihre zweideutigen Gesten und Worte während ihrer Beziehung abverlangt haben mussten. Pirouetten drehen, nennt sie diese ambivalente Haltung. Sie kontrollierte sich damals, behielt einen Teil ihres Ichs zurück, um sich nicht in der Liebe aufzulösen. Empört jedoch fragt sie sich nun, warum immer die Frau für den Mann geschaffen sein soll, und nie er für sie. Das Freundschaftsangebot schlägt sie aus. Freundschaft empfindet sie als etwas viel Größeres, als zwischen ihnen fortan herrschen wird. „Glauben Sie, es sei ein laueres Gefühl, das sich mit den Resten und den kleinen Diensten begnügt, die einander zu erweisen man nicht vermeiden kann?“

 

Ihre Wut beruhigt jedoch nicht das krampfende Herz, hilft nicht über die Leere hinweg. „Ein schwerer Mantel, klebrig vor Langeweile, Krankheit und Verzweiflung, drückt meine Schulter nieder; mir ist kalt. Mein schöner Traum geht in Scherben.“

Nachts liegt sie im Bett und lauscht dem Husten und Sterben der anderen Kranken. Der Tod schleicht sich in das Bewusstsein der Lesenden. Ihr Schreiben wirkt wie ein Innehalten, eine Meditation, es vollzieht den Abschied in Worten. Der letzte Brief wird mit dieser Meditation brechen.

 

 

Marcelle Sauvageot Fast ganz die Deine

Übersetzt von Ulrike Draesner

Deutscher Taschenbuchverlag

112 Seiten, 6,50 Euro

Erschienen bei DTV im Jahr 2006, Original 1934.

Die Kolumne wurde zuerst im Büchermagazin (01_2016) veröffentlicht.


Marcelle Sauvageot wurde 1900 in Charleville geboren. Sie arbeitete als Lehrerin in Paris, bis sie 1930 an Tuberkulose erkrankte und in einem Sanatorium behandelt werden musste. Sie schrieb dort Briefe an ihren Verlobten, der sie verlassen hatte. Ihr notierter Abschied kursierte in limitierter, privater Auflage unter ihren Freunden, und wurde posthum ein vielbeachteter Briefroman. Sie starb 1934 in Davos. In Deutschland erscheint Fast ganz die Deine das erste Mal 1939.